Dein Unsterblich
Kapitel 1
Nessa
Seit ein paar Wochen war Ayen nun tot, und noch immer lag die Trauer tief in uns allen.
Keiner von uns konnte fassen, dass er das getan hatte. Auch wenn es für Ayen typisch war, hätten wir eine andere Lösung finden können. Freya hatte bis heute kaum ein Wort gesagt, und Dirions Trauer lag schwer auf seinen Schultern.
Finan trauerte ebenso, und wer ihn kannte, sah es sofort. In seinem Gesicht lag keinerlei Freude, und auch seine Augen hatten das Leuchten verloren.
Meine Mum und ich waren seitdem oft bei den Dreien gewesen. Mum war für Freya wie eine Mutter, aber auch sie hatte keine Chance, an sie heranzukommen.
Irgendetwas musste während des Ausflugs, den sie für Ayen gemacht hatten, passiert sein. Danach war alles anders, und das bedrückende Gefühl war so dicht, dass ich es fast schmecken konnte.
Heute war ich allein auf dem Weg zu Freya und den beiden Jungs. Am liebsten wäre ich Tag und Nacht bei ihr gewesen, doch Dirion sorgte gut für sie, und nur bei ihm war sie zu Hause. Sie gehörten zusammen, und wie wir nun wussten, war es schon immer so – seit Beginn unserer magischen Welt. Wer hätte das gedacht?
Als Ayen sie in unsere Welt geholt hatte, war alles neu für Freya, und doch war es ihr Zuhause.
Langsam ging ich die letzten Stufen hinauf. Es war eigenartig, diesen Weg zu nehmen, denn die Male vor dem Kampf wurden wir von Abrax geholt und landeten immer hinter dem Haus. Auch das war nun anders.
Ich verstand, dass Dirion nicht mehr so oft bei uns war und daher auch nie wusste, wann ich Freya sehen wollte. Ich hätte einen Kuvi schicken können, damit Dirion mir einen Drachen schickte, doch ich war ganz gern zu Fuß unterwegs, auch wenn es ein beschwerlicher Aufstieg war und weitaus länger dauerte als mit einem Drachen.
Aber ich liebte es, die Natur unter meinen Füßen zu spüren, den Duft in meiner Nase und die Tiere um mich herum.
Zaghaft klopfte ich an die schwere Holztür, da ich mich nicht angemeldet hatte. Ich wusste nicht, ob es ein guter Moment war, oder einer der Schlechteren.
Ich hörte Schritte, und schon wurde die Tür geöffnet. Finan trat heraus.
»Hallöchen. Was treibt dich denn hierher?«
Er kam noch einen Schritt weiter nach draußen, sah sich um und zog verwundert die Brauen hoch.
»Bist du etwa zu Fuß hergelaufen?«
Ich nickte, und Finan stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
»Na dann komm mal rein.«
Wie immer waren alle in der Küche versammelt. Na ja, alle waren es leider nicht. Einer würde immer fehlen.
Freya und Dirion saßen zusammen und hatten ihre Köpfe über irgendetwas geneigt. Neville war nicht zu sehen, doch weit konnte sie nicht sein, da die Töpfe mit dampfendem Inhalt auf dem Herd standen.
»Hallo«, rief ich in die Runde und winkte zurückhaltend.
Freya und Dirion sahen auf. Zuerst wirkte Freya verdutzt, bis sich ein breites, ehrliches Lächeln auf ihren Lippen abzeichnete. Dirion ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen und nickte mir zu.
»Hallo, Nessa. Wie schön, dass du gekommen bist.«
Freya stand auf und lief freudestrahlend auf mich zu, während Finan sich hinter mir vorbeischlich und sich Dirion gegenüber niederließ.
»Ich hatte keine Ahnung, dass du kommen würdest«, sagte Freya und blickte fragend zu Dirion, der unwissend die Hände hob.
»Es wusste keiner. Ich dachte, ich komme einfach mal vorbei und schaue, wie es euch so geht und was ihr macht. Ich hoffe, ich störe euch nicht.«
»Ach Quatsch. Setz dich doch zu uns. Neville macht gerade Essen. Sie ist nur kurz in den Garten gegangen, um irgendwelche Kräuter zu holen.«
Finan machte mir etwas Platz, und ich setzte mich neben ihn. Seit Ayens Tod hatte ich das Gefühl, dass er alles mitgenommen hatte, was uns als Freunde ausmachte.
Diese Trauer und dieses Fehlen waren kaum auszuhalten, und ich wünschte, ich könnte etwas daran ändern. Doch was?
»Woran denkst du?«, fragte mich Finan leise und beugte sich zu mir.
Ich blickte auf und sah ihn fragend an.
»Es war offensichtlich, dass du mit deinen Gedanken nicht hier bei uns bist. Also, kleine Hexe, woran hast du gedacht?«
»An nichts«, entgegnete ich ihm.
»Lügnerin«, sagte er mit einem Schmunzeln, das sogar seine Augen erreichte.
»Was glaubst du denn, woran ich gedacht habe?«, wollte ich nun von Finan wissen.
Er betrachtete mich kurz, sah dann aber zu Freya und Dirion. Doch die beiden hingen schon wieder über diesen Dokumenten. Als würde er sichergehen wollen, dass sie nicht hörten, was er sagen wollte.
»Ich denke, dass du an Ayen gedacht hast und daran, wie anders alles ohne ihn ist.«
Mir stockte der Atem. Woher wusste er das?
»Beruhige dich. Ich kann deine Gedanken nicht hören, aber in deinem Gesicht lesen. Und glaube mir, er fehlt überall. Wenn ich könnte, würde ich in diese verdammte Schlucht springen, ihn herausholen und ihm dann eine runterhauen, für den Scheiß, den er gemacht hat. Doch leider ist er nicht mehr dort. Er ist jetzt einer unserer Sterne, und wir müssen darauf hoffen, dass wir uns alle im nächsten Leben wiedersehen.«
Mir verschlug es die Sprache, wie deutlich Finan war, doch es waren auch meine Gedanken. Hätte ich einen Zauber, irgendeine Magie, die ihn zurückbringen könnte, würde ich es tun. Doch so stark war ich nicht – selbst Mum nicht.
Wir hatten lange in unseren Grimoires geblättert – nächtelang –, doch wir hatten keinen Zauber finden können, der uns auch nur annähernd hätte sagen können, was zu tun war. Weil es einfach keinen gab. Ayen war tot. Wir hätten noch nicht einmal in das Reich der Seelen reisen können, da wir keinen Körper hatten.
»Oh, hallo Nessa, wie schön, dich zu sehen«, kam es plötzlich von Neville.
»Hallo Neville. Ich dachte, ich lass mich mal wieder von deinem leckeren Essen verwöhnen.«
»Gute Entscheidung«, flüsterte Finan mir ins Ohr, und ich musste grinsen. Finan und sein Essen.
»Ich weiß. Essen ist deine größte Leidenschaft«, sagte ich zu Finan.
Er stockte kurz, legte seinen Finger unter das Kinn und überlegte.
»Nein. Ich glaube, da gibt es noch etwas anderes, was ich noch lieber tue«, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln und zwinkerte mir zu.
Flirtete er etwa gerade mit mir? Nein, Finan doch nicht.
Nach dem Essen setzten wir uns auf die Terrasse, doch ich würde viel lieber mit Freya reden.
»Freya, hast du Lust, mit mir zu den Drachen zu gehen?«
Ich wusste, dass es ihr Lieblingsort war und sie dort abschalten konnte. Und wie auf Knopfdruck lächelte sie, gab Dirion einen Kuss zum Abschied und stand auf.
»Sehr gerne. Lass uns gehen.«
»Kommst du klar?«, wollte ich wissen, als wir uns von den Jungs entfernten.
Freya atmete hörbar ein und ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Sie litt, und es schmerzte mich, sie so zu sehen. Ayen war ihr bester Freund, ihr Beschützer, und sie liebte ihn – wenn auch nicht so wie Dirion. Doch das machte ihre Liebe zu ihm nicht weniger bedeutsam.
Irgendwann sprach sie leise:
»An manchen Tagen wache ich auf und denke, er würde jeden Moment aus dem Gästezimmer kommen und mich mit seinem warmen Lächeln begrüßen. Sobald mir bewusst wird, dass er mich nie mehr ansehen wird, bricht mein Herz jedes Mal aufs Neue. Und dann gibt es Tage, an denen ich an unsere letzte Begegnung denke, und mir wird warm ums Herz, weil ich weiß, dass er noch bei uns ist.«
Ich stutzte über ihre letzte Bemerkung.
»Welche Begegnung meinst du?«, fragte ich vorsichtig. Freya konnte unmöglich den Kampf meinen.
»Ich habe es bisher noch niemandem erzählt, weil ich nicht weiß, ob ich es mir bloß eingebildet habe oder ob es wahr ist. Doch für mich, um weitermachen zu können, ist es wahr, und daran will ich glauben.«
Freya sah mich an, als würde sie abwägen, ob sie es mir erzählen sollte.
»Hey, ich bin deine beste Freundin – und das schon sehr lange. Du weißt, dass du mir alles sagen kannst. Ich würde dich niemals infrage stellen.«
»Ich weiß.«
Und dann fing sie an zu erzählen und mir blieb heute zum zweiten Mal die Luft weg.
»Als Dirion, Finan und ich in der Menschenwelt waren, um Ayens letzten Wunsch zu erfüllen, waren wir anschließend noch auf unserem Campus. Dort fing alles an, und ich wollte noch einmal das Gefühl haben, ihm nahe zu sein. An diesem Ort spürte ich ihn. Nessa, er war da.«
Ich hielt die Luft an.
»Ich war in unserem Vorleseraum. Weißt du noch, als er plötzlich vor uns stand und sich neben mich setzen wollte? Dort war ich und habe mich an den Platz gesetzt, auf dem ich damals gesessen hatte. Und mit einem Mal hörte ich eine Stimme: Egal, wo ich bin, ich werde immer auf dich aufpassen. Werde glücklich, dann bin ich es auch ...«
Ich blieb entgeistert stehen und sah sie ungläubig an.
»Ja, so habe ich auch geschaut«, sagte Freya leise. »Irgendetwas strich über meine Wange, und dann kam ein: Mach’s gut. Es war Ayen, da bin ich mir sehr sicher. Das habe ich mir nicht bloß eingebildet. Er war da und ist es noch.«
Das, was sie mir gerade erzählt hatte, musste ich erst einmal sacken lassen und verstehen, wie das sein konnte. Ayen war tot, und nur Seelengefährten konnten, wenn auch nur im Traum, Kontakt aufnehmen. Das war völlig verrückt, und noch nie hatte ich davon gehört, dass Freunde dies konnten. Doch ich glaubte Freya. Sie war niemand, der sich etwas einbildete.
Ich fragte mich, was Mum dazu sagen würde.
Nach einigen Minuten liefen wir um den Berg herum und da waren sie: die Drachen.
Jedes Mal, wenn ich hierherkam, rauschte eine Gänsehaut über meinen Körper. Sie waren so erhabene Geschöpfe, und dass sie mir gestatteten, hier zu sein, bedeutete mir alles.
Sie wurden damals von den Fae gefangen genommen und als Sklaven gehalten. Sie vertrauten keinem Fae mehr, außer dem kleinen Kreis, der zu Dirion gehörte. Dem er vertraute, vertrauten sie.
Jedoch vertraute Dirion niemandem einfach so. Bevor das geschah, musste man sich ihm stellen, und er beobachtete jeden sehr genau. Aber wenn Dirion jemanden in seinen Kreis aufgenommen hatte, würde er sein Leben für denjenigen geben.
»Freya, was du da erzählst, ist sehr ungewöhnlich, und ich denke, es hat etwas zu bedeuten. Du weißt doch, dass nur Seelengefährten nach dem Tod für kurze Zeit Kontakt aufnehmen können so wie Dirion damals, in seinen Träumen. Erinnerst du dich?«
»Wie könnte ich das jemals vergessen? Es war so schlimm. Ich dachte, wir hätten ihn verloren.«
»Ich weiß. Doch dass Ayen zu dir durchgedrungen ist, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern fast unmöglich. Ich weiß, dass ihr eine besondere Verbindung hattet, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese ausreichen würde, um so etwas zu bewirken. Und dazu noch im wachen Zustand – dann, wenn dein Geist und deine Gedankentür fest verschlossen sind.«
»Was willst du damit sagen, Nessa?« Freya sah mich erschrocken an.
»Das weiß ich noch nicht, aber ich muss mit Mum darüber reden. Vielleicht hat sie eine Erklärung.«
»Bitte tu das.« Freya nahm meine Hand und drückte sie. »Ich werde es weiterhin für mich behalten. Dirion trauert sehr um Ayen, doch er glaubt, dass ich es nicht sehe. Er versucht, stark für mich zu sein. Wenn ich ihm das erzählen würde, wüsste ich, dass ich diese Wunde, diesen Schmerz, nur noch einmal aufreißen würde und das kann ich ihm nicht antun.«
»Dann würde ich sagen, verschleiere deine Gedanken.«
»Das mache ich schon die ganze Zeit. Zum Glück gelingt es mir, seitdem wir unsere Macht zurückhaben, sehr gut.«
»Deine Macht scheint beeindruckend zu sein, nachdem ihr eure Rückführung hattet. Gibt es sonst noch Veränderungen, die du zuvor nicht bemerkt hast?«
Freya schüttelte den Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Ich bin noch zu sehr mit meiner Trauer um Ayen beschäftigt. Ich bin noch immer wütend auf ihn, weil er sich geopfert hat. Ich bin mir sicher, dass wir eine andere Lösung hätten finden können.«
Ich nahm ihre Hand in meine und drückte sie zur Bestätigung.
»Ich bin deiner Meinung. Aber Ayen war schon immer jemand, der unser Leben über seines gestellt hat. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn trauern«, sagte ich leise, wohl wissend, dass nur Ayen so dachte. Wir alle würden noch sehr lange um ihn weinen. Ich stand ihm nicht so nahe wie Freya, und doch war der Schmerz, den er in mir hinterlassen hatte, so stark, dass ich manchmal glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Wie musste es dann erst Dirion, Finan und Freya ergehen?
»Du hast recht. Er würde es nicht wollen«, unterbrach mich Freya. »Aber er hat sich in den Tod gestürzt, Nessa. Wir waren da! Wir waren so dicht davor, ihn zu retten, und was hat er gemacht? Einfach losgelassen. Wenn ich könnte, würde ich ihn noch heute dafür anbrüllen.«
Freya sackte in sich zusammen, und eine einzelne Träne lief stumm ihre Wange hinunter.
»Er hat mich allein gelassen«, flüsterte sie in die Stille.
»Ich weiß«, sagte ich nur.
Wir setzten uns ins Gras und beobachteten die Drachen. Es dauerte nicht lange, bis Abrax sich in unsere Richtung bewegte, mit ihm der kleine Avox. In den letzten Wochen war er gewachsen und mittlerweile halb so groß wie seine Artgenossen. Abrax spürte Freyas Trauer, und ich glaubte, dass auch er um Ayen trauerte.
»Hey, mein Großer«, begrüßte Freya den Drachen. »Wie geht es euch?«
Seitdem Freya ihre ganze Macht zurückerhalten hatte, konnte sie ebenso wie Dirion mit den Drachen auf eine besondere Art kommunizieren. Freya war die eine Seele, mit der alles begonnen hatte. Sie war die Erste, und durch sie floss nun alle Energie – von jeder Pflanze, jedem Lebewesen. Sie war diese Energie, und so konnte sie alles fühlen und verstehen.
»Ich vermisse ihn auch«, sprach sie leise zu Abrax.
Ich wollte das Thema, das Freya im Hörsaal erlebt hatte, noch nicht beenden. Ich musste herausfinden, ob es noch mehr zu entdecken gab und ob Mum und ich möglicherweise eine Erklärung finden konnten.
»Freya, hast du irgendetwas Bestimmtes getan, bevor du Ayens Stimme gehört hast?«
»Nein, nur an ihn gedacht. Nein, das stimmt nicht. Ich habe mit ihm gesprochen. Ich habe gesagt, dass ich die Zeit zurückdrehen will. Dass ich ihn vermisse. Und dann hörte ich ihn plötzlich, aber nur in meinem Kopf.«
Ich nickte ihr verständnisvoll zu.
»Glaubst du, dass deine Mum etwas darüber weiß? Oder dass ich vielleicht noch einmal Kontakt zu ihm aufnehmen kann?«
»Ich weiß es nicht, aber ich werde alles tun, um es herauszufinden.«
»Danke, Nessa.«
Wir saßen noch eine Weile schweigend bei den Drachen und beobachteten sie. Taron hielt sich wie immer im Hintergrund, doch Abrax bewegte sich nicht von Freyas Seite als wolle er sie trösten.

